Der Fluss

Die Lieder der Lebenden,

die Lieder der Toten

Ein orphischer Theater-Essay in sechs gesungenen Sprachen

von Peter Wagner / Musik und arrangements: Ferry Janoska

Mitwirkende:
Barbara Horvath, Eveline Rabold, Sandra Selimovic, Philipp Eisenmann, Marco Blascetta
sowie das „Ferry Janoska Ensemble“: Violine I – Barbora Botošová, Violine II –  Simona Vajduláková,
Viola – Tatiana Bobeková, Violoncello- Ján Vajčovec, Kontrabass – Tomáš Gašpierik
Substitut: Tamás Hompok, Agata Siemaszko, Peter Wagner

Erzähler- und Sprecherstimmen: Elizabeth Hausmann-Farkas, Barbara Horvath, Helmut Schoretits,
Gideon Singer, Joško Vlasich, Peter Wagner

Verwendete und z.T. verfremdete Bildmotive u.a.: Wolfgang Horvath („Lafnitz 1-4“, Ätzung, Kaltnadel), Henryk R. Mossler (Illustrationen zu „Die Burgenbürger“), Snr. Elfriede Ettl, Fria Elfen

Video-Technik und Einspielungen: Georg Müllner / Live-Sound: Christoph Halper
Licht: Alfred Masal / Bauten: Herbert Polzhofer / Büro: Bettina Benedek
Regieassistenz: Robert Koukal / Produktionsleitung: Alfred Masal

Bühne, Licht-/Videokonzept und Regie: Peter Wagner

EIN FLUSS IN SECHS GESUNGENEN SPRACHEN:
DEUTSCH, UNGARISCH, KROATISCH, ROMAN, JIDDISCH UND HEBRÄISCH


Der Fluss ist Leitmotiv unserer Erzählung in sechs gesungenen Sprachen. Einerseits wird damit indirekt auf den griechischen Totenfluss Bezug genommen, über den der Fährmann die Seelen der Verstorben gegen einen Obolus ins Totenreich bringt. Andererseits bezeichnet der Fluss das stete Fließen, ja Ineinanderfließen der gesanglichen Äußerung einer Volkskultur, die gerade in einem Grenzland wie dem Burgenland über Jahrhunderte in gelebter Vielsprachigkeit gepflogen wurde. Manches von dieser Tradition lebt heute noch, manches ist für immer verschwunden.
Nicht in Vergessenheit jedoch sollte geraten, dass das Lied seit seinen antiken Wurzeln Teil der Lebensbewältigung der Menschen ist, und das nicht nur auf manchmal hohem lyrischen Niveau, sondern teils auch auf simplen und trivialen Selbstverständnissen beruhend. Sowohl in seiner poetischen Verdichtung als auch in seiner Funktion als kollektive und individuelle Angstabwehr dient es als genauso rituelle wie intime Ordnungsmacht, aber auch als Reflexionsquelle und gewiss auch als das nötige Unterhaltungselement in einem so oder so nicht einfachen Alltag.
Die Fächerung des hier verwendeten Liedgutes reicht von weltlichen Liedern aller im Burgenland einstmals und gegenwärtig vorhandenen Sprachgruppen (Deutsche, Kroaten, Ungarn, Juden, Roma) bis zu Volksballaden und geistlichen Liedern aus dem Bereich der Totenklagen.
„Der Fluss – Die Lieder der Lebenden, die Lieder der Toten“ wurde vom Autor und Regisseur Peter Wagner als bühnenmusikalisches Werk mit verbindenden Texten konzipiert und mit dem Untertitel „Ein orphischer Theater-Essay“ auf die Bühne gebracht. Dafür hat Wagner Lieder aus dem Burgenland zusammengetragen, wie sie einerseits heute noch gesungen werden, andererseits längst dem Vergessen anheimgefallen sind. Der Komponist Ferry Janoska hat das Arrangement vornehmlich für Streichquintett ausgerichtet, dabei aber auch auf Samples und percussive Elemente zurückgegriffen und die Lieder damit in ein homogenes, eigenständiges Klangbild gegossen.


Mitteilungen aus der Diaspora der Sprache

Bei uns bleibt das orphische Element am Boden des Alltags und breitet sich als Erzählung in den gesungenen Äußerungen eines an strenge Normen gebundenen, nichtsdestotrotz sich poetisch hinterfragenden Volksbewusstseins aus. In diesem behalten die Dinge einen guten Rest atavistischer Natur, da hat die Aufklärung, möchte man meinen, keinen Niederschlag gefunden: Die Mutter hält dem herbeigeeilten Liebhaber ihrer Tochter entgegen, die Tochter liege im Keller in ihrem Blut; sie hat die Tochter erschlagen, um die Schande einer außerehelichen Schwangerschaft zu sühnen – gesungen im südburgenländischen Schachendorf, aufgezeichnet vom Ethnologen Dr. Károly Gaál in den Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts.
Und doch scheint der Gesang nicht nur den Schrecken und damit die Bestätigung einer unumstößlichen Ordnung zu transportieren, sondern auch dessen latente, kathartische Überwindung: Nicht das Tabu ist die Mitteilung, sondern seine – gesangliche – Benennung. Insofern ist stets der Gesang selbst das Thema und dieses wandelt auf der Trennlinie zwischen Leben und Tod, als Barke auf dem Fluss, dem Kreislauf des Lebens verhaftet, der in den Tod und in neues Leben führt, dem Fluidum seiner Rituale im ewigen Austausch von Werden und Vergehen unterstellt. Es findet im Lied, in dem in sich selbst als abgeschlossene Welt hergestellten Bildnis, seinen unscheinbaren und doch so kräftigen, durch die eigene Stimme quasi körperlich durchlebten Ausdruck. Uralte Bilder tauchen aus der Tradition des Gesungenen auf und werden in die hinterfragende Realität der Gegenwart übergeführt – wiederum dem Fluss der Kommunikation als manifeste Mitteilung und instinktiv gefühlte Botschaft verpflichtet. Und da scheinen die ursprünglich in Stein gemeißelten moralischen Gesetze auch plötzlich aufhebbar: An einer anderen Stelle, in einem heute noch oft gesungenen burgenlandkroatischen Volkslied, in dem die ordnende Macht der Mutter zwei Leichen hinterlassen hat – die ihrer Tochter und jene ihres Geliebten –, heißt es: „Da hast du nun, Mutter, zwei traurige Leichen, weil du nicht fröhliche Lebende wolltest!“
„Der Fluss“ ist ebenso eine Erzählung über das Vergessene. Wo die Beziehung von Müttern und Töchtern heute ganz anderen soziokulturellen Parametern unterliegt, erinnern wir mit der erzählten Version eines sog. Burschenliedes, das oft der rituellen Demütigung von Mädchen in einem Gesellschaftsverband diente, an auch völlig anders gelagerte Geschlechterrollen. Wir entdecken mit Károly Gaál die Spinnstubenlieder, die vom unverhältnismäßig harten Arbeitslos von Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert hin zeugen. Eine unbedingte (Wieder)Entdeckung sind die Totenlieder und -klagen der Kroaten, die nach dem 2. Vatikanum als heidnische Relikte verboten wurden, bis heute aber – heimlich – weiterleben. Ein heute gerne und oftmals übersehenes Kapitel bilden die Generationenkonflikte, die auch schon mal mit bedingungsloser Härte geführt wurden: „Jo, da hast an Strick, häng dich auf damit“, sagt die Junge zur Alten, womit sämtliche weiteren Konflikte, die das Lied thematisiert, mit einem Schlag gelöst wären. In vielen Liedern der Burgenland-Roma tauchen Auschwitz-Reflexionen auf: Hier finden sich neben Anklängen an populäre Schlager vor allem Lieder, die auf traditionellen Melodien basieren.
Schließlich bezieht die Erzählung auch das jüdische Liedgut ein, das ja bis 1938 ebenfalls bestanden hat (u.z. sowohl in hebräischer Sprache der liturgischen Texte als auch in jiddischer): Ein 1925 in Mattersburg aufgezeichnetes jüdisches Wiegenlied wird hier vermutlich erstmals auf einer Bühne vorgestellt.


Das Alltagsritual des Singens

... ist eine niemals enden wollende Erzählung über die Selbstsicht der Menschen in ihrem jeweils eigenen sozialen, kulturellen und religiösen Umfeld. Im pannonischen Raum war dieses, als das Singen noch nicht durch die Mechanik der Musikverbreitung ersetzt war, vornehmlich bäuerlich geprägt.
Besitzt diese Selbstsicht heute noch Relevanz für uns, da sich unsere Spiegelungen in Radio, TV, Printmedien und Internet ereignen, nicht weniger rituell, doch völlig anders rituell?
Wir tasten die tradierten, bekannten, manchmal auch weniger bis gar nicht (mehr) bekannten Lieder in der Konfrontation mit Texten über das burgenländische Grenzland nach ihrer sowohl pragmatisch alltäglichen als auch mythologischen Substanz ab, ohne dabei in die Folklore der jahres- oder lebenszeitlichen Rituale abzugleiten und also eine Art Heimatabend mit Liedvortrag zu veranstalten. Wir verstehen das Lied als den von ihm je eigen transportierten Kosmos einer Mitteilung, die Ausdruck der Gemeinschaft zur Gemeinschaft oder des Einzelnen zu sich und zur Gemeinschaft hin bedeutet. In ihr spiegeln sich Drama, Selbstwert, Hoffnung, Selbstironie und Angstabwehr einer Gesellschaft wider, nicht als große Literatur oder Musik, sondern als der kleine Atem des täglichen Überlebens im Ritus der Dramen des Lebens und seiner Möglichkeiten.
Alleine die vorhandene Breite an multiethnischen, multisprachlichen und multireligiösen Aspekten eröffnet uns eine hochkomplexe Erzählsituation, wie sie an jeder Grenze – und man möchte hinzufügen: nur an der Grenze, der geografischen wie der kulturellen, der bewusst gezogenen wie der psychisch unbewusst indizierten – entsteht. Hier deutet uns der geografisch begrenzte Rahmen der pannonischen Provinz die Möglichkeiten eines gelebten Miteinanders an. Diese Möglichkeit ist der kosmopolitisch geprägte Fluss per se: Seine Botschaft ist nicht politischer oder ideologischer Natur, sondern ausschließlich poetischer – ungeachtet der Tatsache, dass sie an manchen Stellen genau dadurch die politische Botschaft fast wie von selbst transportiert. Insofern ist gerade die Wiederentdeckung der poetischen Botschaft eines unpoetischen Alltags der vitalste Aspekt des gesungenen Liedes und seines sentimentalen Anspruchs auf die Möglichkeiten eines in sich bewältigbaren Lebens. Unser Versuch, die Lieder eines vergangenen Lebensgefühls in eine nicht mehr singende Gegenwart zu transportieren, ist jedoch mitnichten ein nostalgischer: Wir blättern in einem Buch und sehen, wie sehr sich unser Leben im energetischen Fluss der Zeit geändert hat – ob zum Positiven oder zum Negativen, das ist nicht das Thema: Die Vergangenheit ist uns zur Replik geworden, in der es gleichwohl einiges zu entdecken, einiges zu staunen, einiges zu erkennen gibt, um ihr ein Angebot an Rückschlüssen auf unser gegenwärtiges Leben abzufordern.


Die Musik und ihr Arrangement


... stellen das Gesungene in einen neuen Raum. Der Komponist und Arrangeur Ferry Janoska ist als Rom mit ungarischer Muttersprache in der Slowakei aufgewachsen und noch in kommunistischer Zeit mit seiner Familie auf abenteuerliche Weise über die Grenze nach Österreich geflüchtet. Er studierte am Konservatorium in Wien und lebt heute mit seiner Familie im Nordburgenland. Zu seiner Klientel gehören die Wiener Philharmoniker genauso wie die Wiener Sängerknaben, Niederösterreichischen Tonkünstler und heimische Popgrößen wie Reinhard Fendrich, für die er komponiert und arrangiert. Sein Violinkonzert „O drom“ wurde im Jahr 2005 anlässlich der Erinnerung an das Attentat von Oberwart, dem 1995 fünf Roma-Männer aus Oberwart zum Opfer fielen, im Offenen Haus Oberwart uraufgeführt und in Ö1 gesendet.
Janoska ist der musikalische Kosmopolit schlechthin. Sein Arrangement der zum Teil jahrhundertealten Volkslieder scheut die Begegnung mit den musikalischen Ausdrucksformen der Gegenwart nicht, im Gegenteil. Dennoch besteht sein Ehrgeiz keineswegs darin, auf ein schickes Gegenwartsdesign hinzuarbeiten, um sich dem musikalischen Zeitgeist anzubiedern, sondern mit den Mitteln von Neuarrangement und Sounds Räume auszutasten, in denen die Melodie neu erfahrbar wird. „Der Fluss“ ist nicht zuletzt auch ein musikalischer Fluss, der in seiner dramaturgischen Entwicklung in immer neue Landschaften führt und doch der eine Fluss des Werdens und Vergehens in den Etappen seiner unterschiedlichen Metamorphosen bleibt.


Übertitelung


Entscheidend für den Transport der poetischen Botschaft der in sechs Sprachen vorgetragenen Lieder erscheint uns das Verständnis der Liedtexte, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass ihnen oft nur eine verkappte Rolle zufällt, zumal im Mittelpunkt des Rituals des Singens die Melodie und die unverhohlene Freude an ihr selbst stehen. Dennoch wollen wir die Übertitelung der Lieder mit Übersetzungen der Texte ins Deutsche als Teil der Bühnenaktion selbst verstehen: Sprache fließt also ins Bühnenbild ein und bildet einen Teil desselben, einen der zahlreichen weiteren MitspielerInnen im poetischen Fluidum der Inszenierung.  

                                        
Peter Wagner, 2013

Die Volksgruppen des Burgenlandes


Ungarn
Nach der ungarischen Landnahme, während der Epoche der Arpadenkönige, wurden in den schwach besiedelten, westöstlich verlaufenden Tälern Ungarn als Grenzwächter ansässig gemacht. Für ihre Dienste erhielten sie gewisse Privilegien seitens der Krone und wurden in den Stand von Kleinadeligen versetzt. Diese Privilegien gingen ab 1848 verloren. Nach dem Anschluss Westungarns, des heutigen Burgenlandes, an Österreich (1921) wurde die ungarische Volksgruppe in ihrer Bedeutung marginalisiert. Ab da galt die ungarische Sprache innerhalb der deutschen Mehrheitsbevölkerung als mehr oder weniger geächtet.


Deutsche
Schon unter König István I. wurden deutsche Ritter angesiedelt, im 12./14. Jahrhundert kamen weitere deutsche Siedler in das Gebiet. Seit den Anfängen des ungarischen Königreichs lebten hier Ungarisch- und Deutschsprechende miteinander. Wegen seiner mehrheitlich deutschsprechenden Bevölkerung wurde dieses Siedlungsgebiet bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie auch als „Deutsch-Westungarn“ bezeichnet. Ab dem Anschluss des Burgenlandes an Österreich im Jahr 1921 dominierte die deutsche Sprache, unter der die anderen ein geduldetes Untergrunddasein fristeten. Erst ab den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts setzte sich unter den Volksgruppen ein neues Bewusstsein auf die Pflege der Sprache und der eigener Traditionen durch.


Kroaten
Die Burgenlandkroaten sind ursprünglich Flüchtlinge, die während der Türkenkriege aus Kroatien, insbesondere aus Dalmatien und der späteren Militärgrenze, flohen und im Westen des damaligen Königreichs Ungarn angesiedelt wurden. 1910 verfügte die kroatische Volksgruppe in 110 Ortschaften über 60 römisch-katholische, rein kroatische Volksschulen und 150 Priester. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich die kroatische Minderheit mit einer betont österreichischen Haltung, ihre Volksgruppe politisch und kulturell wieder zu beleben. Nach der Volkszählung 2001 leben im Burgenland 19.374 Burgenlandkroaten, dies entspricht einem Anteil von etwa 6 Prozent der Gesamtbevölkerung.


Juden
Die frühesten Belege für jüdische Ansiedlungen auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes datieren aus dem 13. Jahrhundert. Das Jahr 1938 brachte im Burgenland das endgültige Aus eines für Österreich einzigartigen, jahrhundertelangen, vor allem durch die Kontinuität der Siedlungsgeschichte geprägten Verhältnisses von Juden und nichtjüdischer Bevölkerung. Nach 1945 erfolgte – ebenfalls „einzigartig“, gemessen an der Vergangenheit – kein Wieder- oder Neuanfang jüdischen Lebens. Um 1850 lebten auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes etwa 8.000 Juden. Nach der Revolution von 1848 und dem Ende der Schutzjudenschaft eröffnete sich für manche Gemeinden die Möglichkeit zur völligen politischen Autonomie, die Eisenstadt als einzige Gemeinde bis 1938 erhalten konnte.


Roma
Die im Burgenland beheimateten Roma stammen weitgehend aus den Nachbarstaaten Ungarn, Slowakei oder Slowenien. Das Burgenland ist Einflussgebiet ungarischer und osteuropäischer Kultur, wo die Roma seit langem sesshaft sind. Sie weisen starke Prägungen durch ungarische Einflüsse auf. Die Burgenlandroma leben seit Jahrhunderten in diesem mehr oder weniger archetypischen Grenzland und wurden durch den Holocaust stark dezimiert. Sie sind erst seit 1993 von der Republik Österreich als autochthone Volksgruppe anerkannt. Das Jahr 1995 markiert mit dem Attentat von Oberwart, bei dem vier junge Roma-Männer aus der sog. Siedlung getötet wurden, eine Wende der Roma-Politik in Österreich.

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